Bedeutung der Nachwuchsarbeit in einer modernen Rechtsabteilung

 

Dr. Martin Wagener ist Chefsyndikus und damit Leiter des Zentralen Rechtsservice bei der AUDI AG in Ingolstadt. Das Interview führte Dr. Bruno Mascello, LL.M., Rechtsanwalt, Vizedirektor an der Executive School of Management, Technology and Law (ES-HSG) der Universität St. Gallen.

 

Sehr geehrter Herr Wagener

 

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, Sie bei uns zu haben. Wir schätzen es sehr, dass wir uns mit Ihnen über die Bedeutung der Nachwuchsarbeit in einer modernen Rechtsabteilung wie jener von AUDI AG unterhalten können.

 

Bruno Mascello: Azur, das Karrieremagazin für Juristen hat kürzlich den zentralen Rechtsservice der AUDI AG für eine Nachwuchsförderung mit einem Preis ausgezeichnet. Mit dem azur-Award für die beste Referendars- und Praktikantenausbildung in deutschen Unternehmen und Kanzleien hat das in der Branche für Aufsehen gesorgt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

 

Martin Wagener: Sie zeigt mir, dass man mit konsequentem und engagiertem Vorgehen, mit der Einführung und Pflege von Ausbildungsbausteinen junge Menschen vor ihrem Berufseintritt für die Tätigkeit eines Syndikusanwalts begeistern kann. Einsätze in anderen Abteilungen und in Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland sind für den Nachwuchs sehr attraktiv, ein intensiver Blick hinter die Kulissen eines Großunternehmens und die Möglichkeit, auch einmal die Produkte von Audi zu testen, sind eben etwas ganz Besonderes. Eine kompakte, strukturierte Einarbeitung ermöglicht es darüber hinaus Referendaren schnell selbständig zu arbeiten. So können sie schon früh an der späteren „Realität“ schnuppern.

 

Wer hatte die Idee, so systematisch an die Sache heranzugehen?

 

Die Idee wurde gemeinsam mit der Führungsmannschaft und den Nachwuchsjuristen des Zentralen Rechtsservice der AUDI AG entwickelt und über Jahre hinweg immer weiter entwickelt. Das Thema Nachwuchsarbeit ist eines der zentralen Strategiefelder unserer Abteilung sowie des ganzen Unternehmens. Während wir uns im Zentralen Rechtsservice über Jahre hinweg zunächst auf die Referendarausbildung konzentriert haben, sind wir seit zwei Jahren jetzt auch systematisch im universitären Bereich und auf Job-Messen aktiv. Hier haben wir eine Roadshow entwickelt, um schon sehr früh junge Juristen und Juristinnen für Audi und die Tätigkeit eines Syndikusanwalts zu interessieren.

 

Wer macht das operativ und lohnt sich das überhaupt?

 

Wir haben aus unseren Reihen auf freiwilliger Basis Teams zusammengestellt, die mit viel Engagement (teilweise auch in der Freizeit) unsere Abteilung und unsere Arbeit präsentieren. Die Teams sind heterogen zusammengesetzt: jüngere, wie ältere, Juristen, Ingenieure (einige sind im Rechtsservice tätig), Assistentinnen, Führungskräfte und Referendare waren bisher schon dabei. Natürlich hilft es dabei auch, wenn man seinen Info-Stand mit einem Audi R8 beleben kann. Und natürlich motiviert es, wenn man die Reise zu den Veranstaltungen eben mit diesem Produkt  antreten kann. Das schafft Anreize für den Fahrer und Aufmerksamkeit bei den Interessenten. Wir dachten, dass sich ein solches Vorgehen erst langfristig auszahlen würde. Wir können aber schon jetzt erste Erfolge unseres Vorgehens erleben: Eine junge hoch qualifizierte Kollegin, die wir auf einer dieser Veranstaltungen angesprochen haben, ist seit Anfang Jahr bei uns an Bord. Ohne unsere Aktivitäten hätten wir sie sicher nicht entdeckt.

 

Sie wurden ferner hinter Siemens als attraktivstes Unternehmen für Juristen ausgezeichnet und haben sich in der Rangliste von Kanzleien und Unternehmen innerhalb von 4 Jahren von Platz 158 auf Platz 11 vorgearbeitet. Das lässt sich nicht allein mit Ihrem ausgezeichneten Programm für Referendare und Praktikanten begründen…

 

Sicher nicht. Es ist Teil unserer Strategie, auch nach dem Einstieg in den Rechtsservice bei Audi, den jungen Kollegen und Kolleginnen sehr schnell Verantwortung zu übertragen. Und das meinen wir nicht nur fachlich, sondern auch bei der Weiterentwicklung unserer Organisation.  2007 sind wir ferner mit unserem „Jungen Wilden“-Projekt gestartet. Die Idee damit war, junge Kollegen mit bis zu 5 Jahren Berufserfahrung, die aus unterschiedlichen Teams und Gesellschaften stammten, zu einer Projektgruppe zusammen zu fügen. Aufgabe war es, ein Bild zu entwerfen, wie der Rechtsservice der Zukunft aussehen würde. Die Gruppe konnte dabei ohne Vorgaben arbeiten und die erforderlichen Ressourcen wurden bereit gestellt. Nach einem Jahr musste das Ergebnis der Überlegungen und die daraus abgeleiteten Maßnahmen vor allen Mitarbeitern des Rechtsservice im Rahmen eines Workshops präsentiert werden. Einige Vorschläge der ersten beiden „Jungen Wilden“-Teams sind heute bei Audi gelebte Realität. Mittlerweile gibt es bereits die dritte Generation der „Jungen Wilden“, die sich im Kern damit beschäftigt, was die die sich ändernden Kommunikationswege (Social Media) und die Erwartungen der Generation Y für die Rechtsberatung bedeuten.

 

Bei solch starkem Focus auf den Nachwuchs, gibt es da nicht Irritationen bei den schon erfahreneren Kollegen?

 

Das will und kann ich nicht immer ganz ausschließen. Vielleicht ist es sogar ein wenig gewollt. Es ist ein bisschen wie in einer Profi-Fußballmannschaft: Junge Spieler bringen neue Ideen und frischen Schwung. Sie erhöhen dabei sicher auch den Wettbewerb. Erfahrene Menschen sehen darin aber eine Chance, ihr Wissen und Können weiter zu geben und von eingetretenen Pfaden auch einmal abzuweichen. Die richtige Mischung hinzubekommen, ist letztlich die Kunst, die der „Trainer“ beherrschen muss.

 

Fussball ist ja bei Ihnen ein zentrales Thema, als Mitglied des Vereinsvorstands und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender beim deutschen Zweitligisten FC Ingolstadt 04. Darf ich deshalb davon ausgehen, dass Sie Ihre eigenen Batterien aktiv beim Fussball spielen auftanken?

 

Leider nein, mein Talent war da doch eher übersichtlich. In erster Linie ist die Tätigkeit beim FC Ingolstadt eine willkommene Abwechslung zu meiner Tätigkeit als General Counsel. Ich entspanne mich vielmehr beim Fahrradfahren, Nordic-Walken, Golfen oder beim Besuch einer schönen Oper.

 

Herr Wagener, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit und die spannenden Gedanken, die Sie mit uns geteilt haben!